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Brief 47

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Ms. Brief vom 20. November 1948
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
B.A. 20 – 11 - 1948

Lieber Kurt – dies ist nun ganz und gar so gemeint, wie es eine Anrede im allgemeinen nicht ist – nämlich “lieber“ … Gestern bekam ich Deinen Brief, mit Deiner Flamingo-Anlage. Dass Du – und welche – Freude Du mir gemacht hast, brauche ich Dir nicht zu sagen. Nur, jedesmal, wenn Du schreibst, wird die Sehnsucht stärker, nun etwas zu tun und etwas zu leisten, das über die wieder einmal zur Routine werdende blosse Beschäftigung hinausgeht. Ich suche und suche nach dem Ausweg, aus der zwar voll gefressenen, aber sonst vollkommen leeren argentinischen Gegenwart. Ich möchte diese Leute hier sehr gerne davon überzeugen, dass es von unbedingter Wichtigkeit ist, einen guten (welcher ich natürlich selber bin) Beobachter in Mitteleuropa zu haben, also nicht in Paris, wo wir einigermassen überbesetzt sind. – Heute vormittag war Lemcke da, der nun endlich von einem, ich glaube mannheimer, Blatt eine mehr oder weniger positive Zusage erhalten hat, dass man ihn berufen werde (womit also auch seine Auserwähltheit garantiert wäre). Ich kann suchen und suchen … Kann man nicht dem Schicksal sozusagen einen ganz kleinen Stoss geben und mir eine Berufung besorgen, wohin, wozu – wer weiss es. Dann wäre es vielleicht eher möglich, dass ich meine Leute dazu bekomme, mich wenigstens starten zu lassen, was mit anderen Worten heisst, dass sie endlich begreifen würden, welche Wichtigkeit sie einer “eigens nach Deutschland berufenen“ Persönlichkeit beizulegen haben. Wie es auch immer sein mag, ich möchte entweder – wenn ich Deiner Prognose folge – den Kriegsausbruch, oder, wenn ich mich nach meinem eigenen Demi-Optimismus richte, den vehementen Friedensausbruch einmal aus der Nähe miterleben. Verzeih, wenn ich frivol werde, aber alles, was ich hier miterleben muss, reicht vollkommen aus, um den besten Charakter (den ich nicht habe) vollkommen zum Teufel gehen zu lassen. Der von Dir so sehr gelobte (mit Recht gelobte) Bramuglia, dessen Wirksamkeit auch nach meiner Ansicht nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, ist hoffentlich noch für einige Zeit länger persona grata in Buenos Aires. Genau weiss man es nicht, denn, wer Erfolg hat, wird meist in die Wüste geschickt. Ich fühle mich, wie so oft in den letzten Jahren, so schandbar falsch einregistriert. Manchmal habe ich Lust, wieder einmal zu abenteuern, aber es genügt dann doch, was ich so an Abenteuern, manchmal sehr alten Abenteuern habe. Dann wieder unbändige Lust, aus all den kleinen menschlichen Unebenheiten und Unzuträglichkeiten auszukneifen.

Hier nun kam wieder einmal eine Unterbrechung …

Inzwischen habe ich auf meinen einigermassen dienstlichen Brief an W.K. eine ganz nette und in meinem Sinne vielleicht sogar fruchtbare Antwort bekommen. Wenn bloss nicht immer dies ekelhafte Gefühl der vollkommenen Nutzlosigkeit mich an jeder Bewegung hindern würde. Ich kann mich drehen wie ich will, ich bleibe immer noch gefangen – und das macht einen dann doch rasend.

Vielleicht finden sich doch noch Möglichkeiten der Echappade. Aber lange darf es nicht mehr dauern.

Dies ist ein trauriger Brief, den ich nicht schreiben wollte. Aber, wem soll ich schreiben, wenn nicht Dir.

Sehr von Herzen grüsst Dich

Dein Peter