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Brief 52

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Ms. Brief vom 10. Februar 1949
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Peter Bussemeyer
Buenos Aires, 10. Februar 1949
Reconquista 424

Mein sehr sehr lieber Kurt,

nun ist wieder eine Zeit vergangen, in der ich viel von Dir hörte, Du aber beinahe ohne Nachricht von mir bliebst. Allerdings war ich keineswegs untätig. Und einmal wird doch vielleicht auch etwas dabei herauskommen. Jetzt habe ich auf Ansuchen von “Artemis“ in Zürich ein paar Gedichte schön abgeschrieben und weggeschickt, habe ihnen auch eine kleine Prosaarbeit von mir mitgeschickt, sodass sie, die übrigens etwas von mir haben wollten, nun vielleicht einen Eindruck von mir bekommen (oder auch nicht).

Ausserdem habe ich heute an Karsch für den Tagespiegel, auch, weil er mich darum bat, einen mittellangen Artikel über den hiesigen Nationalhelden San Martin geschickt, ziemlich kritisch, soweit es angängig ist, und nach meiner Ansicht ganz gut, was noch nicht heisst, dass ich recht habe. Möglich, dass alles doch einen Zweck hat. Mein alter Chef Seeckt pflegte zu sagen, dass die Richtigkeit einer Operation erst nach fünfzig Jahren von den Kriegsschülern festgestellt werde. Solange möchte ich nicht warten, aber ich habe mich mit mir selber geeinigt, dass ich Zeit haben müsse. Die Arbeit in der Agentur ist nicht sehr schwer, nur eben, man muss vorhanden sein. Die Bezahlung lässt auf sich warten, wenigstens in den letzten Monaten, aber das haben wir mit amtlichen Betrieben gemein, und so wird wohl, in dieser Hinsicht noch alles gut werden. Dafür gibt es haufenweis Elogen für Dinge, die ich nicht des Lobes wert halte. Dass ich noch Briefe oder Artikel auf englisch oder französich schreiben kann, ist schliesslich keine Leistung, zumal die Empfänger meist viel zu zufrieden sind, wenn sie in ihrer Sprache haranguiert werden.

Wunderbar ist, wie Du Gedanken ausführst, die ich immer nur halb denke – oder ahne – manchmal andeute, aber nie wirklich aussprechen kann. Ich meine da Deinen Fragezeichen-Liberalismus-Artikel. Wenn ich einmal Zeit und einen sicheren Platz habe, könnte ich zu diesem Thema einige argentinische Beiträge spenden, denn wir sind bekanntlich gerade in der Verfassungsreform, durch die es sich herausstellen wird, wie weit wir uns an die zivilisierten Völker anschliessen können. Es kann nämlich auch sein, dass es uns sehr schief geht, und bei der allgemeinen Liebe, deren ich mich bei gewissen Leuten erfreue, mag es mir ans Genick gehen. Meine Landsleute helfen mir nicht aus der Klemme; sie täten es selbst dann nicht, wenn sie könnten.

Dein Gedicht – mit einem lachenden und einem weinenden Auge – schön, Lieber. Ach, wenn so doch noch einmal alles zum Blühen kommen würde. Ich sehe so viel und hoffe so viel. Einmal sollte es doch gut gehen. Meine siebenjährigen Perioden – ich las neulich mal etwas darüber – sind wirklich ziemlich ausgesprochen. Ich glaube, ich befinde mich im Anfang einer neuen. Vielleicht, vielleicht. Gestern habe ich mal wieder gebohrt – wegen einer Korrespondenz von drüben nach hier. Versprechungen habe ich wieder einmal genug, und dabei hätte ich es sehr nötig. Ich bekomme eine ganze Menge Zeitungen über irgendeine obskure Vertriebsstelle. Was in ihnen steht, ist eigentlich nicht der Rede wert. Ich habe auch kaum etwas für sie. Was sollte ich zum Beispiel meinem alten Kollegen Reifenberg schreiben, der in seiner “Gegenwart“ nun auch wieder Friedrichen Sieburg schwatzen lässt, als ob garnichts vorgefallen wäre. Ich verstehe das ja nicht mehr. Andere sind da, die sind so antinazisch, dass man ihnen den Exnazi auf zehn Kilometern anriecht. Nein, da muss man schon selber hingehen und unter Umständen hauen oder gehauen werden.

Es haben sich wieder einige Briefmarken eingefunden, die allesamt nicht viel taugen, die Du aber möglicherweise nutzbringend verwenden kannst. Ich wünschte, es wären so viel, dass sie Dir etwas einbrächten, aber meine Weltfirma ist doch recht schwach auf den Füssen. (Der Buchladen nämlich). Ich habe immer herumgeraten, wie ich Dich geschäftlich beteiligen sollte, denn man kann da einen ganz hübschen Nebenverdienst herausholen, aber jetzt ist mal wieder vollkommen Essig in der Devisenfrage. Schweizer Sachen werden nicht geliefert, weil wir sie nicht bezahlen können. Holländer und Schweden liefern einstweilen noch, werden aber auch wohl aufhören. Dann sitzen wir da.

Es wird Zeit, dass man weg geht.

Für heute, in hässlicher Eile, aber mit nicht weniger Liebem und Gutem für Dich,

bleibe ich Dein

Peter