Brief 53
Ms. Brief vom 8. März 1949
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Reconquista 424
Mein lieber Kurt,
inzwischen erhielt ich Deine Postkarte mit der Anfrage über Sondereguer und das Exemplar der Schweizerischen Rundschau mit der sehr schönen und prinzipiellen Richtigstellung zum Fall Georg Heym. Im ersten Fall – Sondereguer – habe ich noch immer nicht viel tun können. Es ist allgemeine Ferienzeit und meine “Auskunftsstellen“ sind verreist. Mich selber an S. zu wenden – ich weiss nicht genau, ob ich das eigentlich möchte. Soviel ich weiss, ist S. seit einigen dreissig Jahren hier nicht schlecht bekannt, zunächst als Verfasser von Romanen, die ziemlich zutreffende Bilder der argentinischen Gesellschaft der Jahre 1910 bis 1920 geben. Ich habe auch mal einen gelesen, der mir aber nicht – abgesehen eben davon, dass er als Bild recht gut war – im Gedächtnis geblieben ist. S. ist Mitarbeiter der “Nacion“ und dürfte, wie die meisten der argentinischen Schriftsteller dieser Generation so etwas wie “Philosoph mit eigenem System“ sein. Du weisst vielleicht, was das heisst. Sie geniessen alle philosophische Sterilität mit ungewöhnlicher Adaptationsfähigkeit; was daraus entsteht, ist dann im allgemeinen sehr “deutsch“ infiziert, weil das Deutsche als Philosophie sehr beliebt ist, (ohne dass man differenzierte). Direkte Verbindung von Nietzsche zu Heidegger, der ins Spanische übersetzt ist und damit gänzlich und absolut unverständlich wurde, sprachlich nämlich – nachdem er ja schliesslich nicht aus dem Deutschen übersetzt werden kann, sondern aus – ja aus was eigentlich? In den letzten Jahren bestehen natürlich auch starke Tendenzen in Richtung Sartre. Idealfall für hier wäre: Heidegger–Sartre, kommentiert von Jacques Maritain. Aber dies alles bezieht sich nun nicht auf Sondereguer, den ich näher auskundschaften werde. Dass er es Dir “en homenaje a su intelecto“ widmet, ist rühmlich und macht ihn mir unbesehen sympathisch. Wenn Du willst, schreib ihm, ich werde mich gerne damit beschäftigen, Deine schönen deutschen Worte in ein nicht ganz so schönes Spanisch zu übertragen. –
Zum zweiten Fall – Heym – muss ich Dir erzählen, dass Deine Richtigstellung mich daran verhindert hat, mir den Band für die Buchhandlung kommen zu lassen, wozu ich grosse Lust hätte. Aber so will ich nun nicht … Es ist merkwürdig genug, dass die Frau eines von mir sehr geschätzten Malers – Ernst Kranz – eine ehemalige Schauspielerin, vornamens Elisabeth (den Nachnamen weiss ich leider nicht), mit Heym sehr gut befreundet war und mir, als ich mich noch in Berlin herumdrückte, in einer entzückend versoffenen Nacht, während wir immer wieder sämtliche Platten der “Entführung aus dem Serail“ abspielten, unendlich viel von dem sehr geliebten Heym erzählte, das, obwohl es ganz andere Worte waren, als die Du zu seiner Schilderung benutztest, sehr von Dir hätte sein können. – Das tauchte auf einmal wieder auf und damit auch eine heftige Sehnsucht nach Berlin, Erinnerung an einen Abend bei Schlichter, als mir sehr ekelhaft zu Mute war. Ich weiss nicht mehr, mit wem ich da sass, es könnte, wenigstens ab und zu einmal, Hirschlaff gewesen sein. Ich trank immer noch einen Viertelliter von Schlichters italienischem Rotwein, Du sassest am Nebentisch, ich hatte Lehm im Kopf (endlich) und ich glaube, Du ärgertest Dich über mich.
Uebrigens, magst Du Kästner eigentlich? Ich habe seine Gedichte zeitweise hübsch gefunden, aber heute wird mir bei seiner Prosa (Mütterchen, das ihm ein rotgestreiftes Oberhemd kauft und so und sich ein – bescheidene alte Dame – halbes Viertelchen Schinken leistet) sehr übel. Sein letztes Buch ist so banal klug geschissen. Für so viele Leute hat sich doch nichts geändert, aber es hat sich doch nun mal etwas geändert und zwar sehr …
W.K. hat mein San Martin-Artikel gefallen (and so what), aber sie müssen ihn doch erst mal auf Eis legen, weil es erst der 170. Geburtstag ist. Wahrscheinlich haben sie recht. Sie möchten gern aktuelles Argentinien haben. Damit haben sie auch recht, aber das ist nun nicht einfach. Von drüben her sieht es leichter aus. Wir leben hier recht verwirrt, und Definitionen sind fast unmöglich, wenn man nicht generalisieren möchte (was bestimmt nicht angebracht wäre).
Wann kann man es endlich schaffen? Was ist aus Deinem Manuskript geworden. Rowohlt macht so schöne Geschäfte mit Schacht, dass er vielleicht auf anständige Sachen verzichten kann. Auch vom Söhnchen Zech hört man nichts. Wo hat der Knabe seinen Verlag? Bei allem Faulen, das sich um das Erbe Zechs herum abspielt, habe ich immer den Verdacht, dass der Dr. Werner Bock seine Hände im Spiel habe, der sich hier als der wahre und einzige Vertreter deutscher Kultur aufspielt. Bei einer Goethe-Gesellschaft, die sich in Südbrasilien gebildet hat, ist er natürlich auch wieder, als einziger “Deutscher“, der Herr “Professor Dr.“. Sie wissen auch wirklich über alles Bescheid, diese Herren vom Germanischen Seminar plus dem Bock – wie gross ist doch der Bergengrün, wie noch viel grösser der Hesse und am allergrössten der Wiechert, aber am grössesten sind doch sie selber, denn sie sind über alle informiert und bringen sie “dem lateinamerikanischen Verständnis nahe“. (Ex-Nazis bevorzugt). Verzeih, aber da werde ich hilflos wütend. Ich habe bald garkeinen mehr, der verstünde, was hier vorgeht. Denn aus den Schlüsselstellungen, wie damals beim AT, habe ich mich ja glücklich herausmanövrieren lassen. Aus Verzweiflung stänkere ich gegen deutsche Bühne und ähnliches, aber dabei identifiziere ich mich dann mit den neuen Israelis (wenigstens einigen von ihnen) und bin am Ende genau so klug wie vorher. Das ist der tägliche Krampf, mit dem man sich so befassen muss, wenn man nicht darauf beschränkt bleiben will, in der Agentur Routine zu machen. Ich bin immer zu dumm gewesen, mir Beziehungen zu besorgen, ich werde es wohl auch nicht mehr zustande bringen.
Vielleicht schaffe ich es doch, in der nächsten Zeit, es müsste schon recht bald sein, Ferien zu nehmen, so lange Ferien, dass ich wenigstens einen Teil des Buches zu schreiben imstande bin, das ich nun eben doch einmal schreiben möchte. Wie es wird, weiss ich selber noch nicht, aber es muss doch gehen. Zu Dir komme ich immer mit allen meinen Geschichten, Du musst sie nun wieder ausbaden. A la longue werden sie Dir langweilig werden. Aber das Entsetzliche ist, dass es hier wirklich nichts gibt, dass man immer wieder im kleinsten Kreis herumgewirbelt und schwindlig wird. Wer die Proportionen zu sehen versteht – ich verstehe es leider – kann sich dabei nicht sehr wohl fühlen.
Schreib über Dein Buch, das ich auf jeden Fall haben muss, das ich hier so gut vertreiben werde, wie es nur irgend geht. Abgesehen davon, dass ich Reklame für Dich machen will und muss.
Immer sehr
Dein Peter