Brief 54
Ms. Brief vom 22. März 1949
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Reconquista 424
Mein lieber Kurt,
nun warte ich schon wieder. Es ist, bitte, garkein Vorwurf, zum mindesten nicht gegen Dich, sondern allenfalls gegen mich selber. Denn ich warte nicht einmal auf etwas Bestimmtes, sondern auf das Unbestimmte, das kommen wird. Du hast natürlich recht, wenn Du mir rätst, selber einmal an die Arbeit zu gehen und mich, schreibend, mit allen möglichen deutschen Zeitungen in Verbindung zu setzen. Es ist aber für mich nicht einfach zu schreiben, denn ich habe kein Gefühl für das, was drüben nötig wäre und sehr wenig Zeit, physisch nämlich, um mit mir selber zu experimentieren. Aber, es wird sich finden. Einstweilen klärt sich alles im Negativen. Ich weiss, was ich nicht will. Vielleicht ist das schon etwas. Aber dann packt mich manchmal das Grauen, wenn ich mitansehen muss, wer unter den neuen Deutschen nun wieder ganz vorne an ist. Alles, was da wieder etwas zu sagen hat, ist doch feindlich und hat auch allen Grund dazu, es mir gegenüber zu sein, denn ich würde wirklich keinen von ihnen schonen. Aber im Grunde ist man doch machtlos, man kann nicht einmal hier, in der näheren Umgebung angreifen, wo es doch so notwendig wäre. Es gibt keine Basis mehr, von der aus vorzugehen wäre. Und es von drüben her zu tun … Für die da drüben sind es eben kleinere Sorgen. Du bist, das ist viel, mein einziger Kontakt mit dem, was ich möchte. Aber Du bist eben nicht hier, wo ich mich ausquatschen könnte, das ganze dumme Herz auspacken, das mit der Zeit so empfindlich geworden ist ‒ !Herzneurotiker! ‒ und sich in einem fort gekränkt fühlt, persönlich gekränkt, wo es doch wirklich nur das Allgemeine und Grosse und Ganze ist, um das man sich kränken sollte und das einen kränken könnte. Da ist hier ein Philosophenkongress, in Mendoza, auf dem sich die amerikanischen Philosophiekopisten zusammenfinden. Es sind aber auch ein paar Ausländer eingeladen, nun, Herr Heidegger ist auch da. Wie kommt so etwas überhaupt aus dem Reich heraus und vor allem, wie kommt es hier herein. Zeichen und Wunder. Sowas vertritt deutsche Philosophie.
31. März 1949
Da war es wieder einmal vorbei – es war wohl auch nicht so wichtig. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass Heidegger, der angeblich schon eingelaufen sein sollte, nur als Hauptvertreter der deutschen Philosophie eingeladen worden war, aber dann doch nicht gekommen ist. Sonst ist auch nicht viel mit den Philosophen los. Der Kongress begann mit einer Kranzniederlegung am Denkmal San Martins in Mendoza. Wahrscheinlich spielte eine Militärkapelle. Gut, aber nun wäre ich sehr dankbar, wenn Du mir in London eine Kleinigkeit erledigen könntest. Wir brauchen für die Agentur ein Büro, das uns laufend, by air mail, sämtliche auf Südamerika, speziell Argentinien bezügliche clippings schickt, das heisst also, englische Presse für uns liest. Vielleicht kannst Du, möglicherweise einfach mit Telephonbuch, mir eine Reihe von Adressen solcher Clipping Agencies schicken, wenn es Dir keine Extraarbeit macht, eventuell mit der Angabe, welche von diesen Agencies zu empfehlen seien. Das weitere können wir dann von hier aus erledigen. Ich kann im Augenblick nicht weiter auf diese Clipping-Geschichte eingehen, solange ich nicht weiss, wie sich die Leute hier die Frage der Bezahlung vorstellen. Wenn ich einigermassen über Mittel verfügen könnte, wäre alles viel einfacher. Aber wir reden hier sehr viel von Geld und zahlen nur sehr ungern. Ich überlege seit geraumer Zeit, auf welche Weise man Dich in diesen Betrieb hineinbekommen könnte, aber es scheitert eben einstweilen an den etwas wilden Geldverhältnissen, über die ich mir bisher noch immer kein Bild machen kann.
Ich habe viel Ärger mit Personalpapieren, und es sieht so aus, als ob ich einstweilen noch eine Weile existenzlos bleiben soll. Ich habe die Geschichte von der Schlange, die sich in den Schwanz beisst, nun schon reichlich über. Vor allem wird man nervös, ist ausserdem im Zweifelsfall jeder Polizeischikane ausgesetzt und bekommt, wozu auch andere Faktoren beitragen, einen kleinen Verfolgungswahn.
Eine ganze Menge Briefmarken sind wieder für Dich da, auch eine ostdeutsche Serie mit lauter Vollbärten, die mich königlich gefreut hat. Dies und Deine Broschüren usw. folgt morgen oder übermorgen by ordinary mail.
Inzwischen vieles Schöne und Gute – sehr viel Sehnsucht und garkeine Ruhe, auf jeden Fall alles Liebe von Deinem
Peter
Ich habe den häßlichen Eindruck, daß Post verloren geht. –