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Brief 55

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Ms. Brief vom 4. April 1949
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
PETER BUSSEMEYER
Buenos Aires, 4. April 1949
Reconquista 424

Lieber Kurt,

ich bestätige den Empfang Deines Rundschreibens vom 30. März. Du weisst, dass ich als Praktiker mit den Richtlinien, die Du politisch ausarbeitest, ohne weitere Diskussion einverstanden bin, soweit es sich darum handelt, sie von Bundeswegen der Oeffentlichkeit mitzuteilen.

Damit ist also auch gesagt, dass der Inhalt Deines Rundschreibens meine Zustimmung findet. Ich will nur hoffen, dass Dein Satz “Aber beiden Seiten sachlich wie vor allem psychologisch zumutbar erscheint mir folgende Lösung“, nicht zu optimistisch ist. Denn, mir scheint, die Situation, in der wir uns zur Zeit alle befinden, hat sehr viel von der Schlange, die sich in den Schwanz beisst. Es ist natürlich richtig und notwendig, den Plan eines westdeutschen Staates fallen zu lassen und wieder einmal an den deutschen Gesamtstaat zu denken. Andererseits aber scheint mir die Schaffung eines ostdeutschen Staates – unter russischer Kontrolle – und seine Einbeziehung in die Sphäre der “Volksdemokratien“ so weitgehend geplant zu sein, dass selbst ein Verzicht auf den Weststaat nichts mehr daran ändern könnte. Vielleicht sogar im Gegenteil: das Damoklesschwert des Weststaates über den Häuptern oder, sagen wir über ganz anderen Körperteilen der Pieck, Ulbricht etc. mag ein fait accompli russischerseits verhindern.

Verzichtet man definitiv auf den Weststaat, so werden die Russen sagen, dass es eine Konzession an sie sei – und an der peinlichen Position Berlins wird sich nichts ändern. Es scheint mir auch, dass unser Schwerpunkt auf jeden Fall im Westen liegt – was zum Teil eine reine Quantitätenfrage ist. Mit Bekenntnis oder ohne Bekenntnis zum Gesamtstaat werden die Herren aus dem Osten ihre mala fides nicht abschaffen (und werden vermutlich bei ihrem Oststaat bleiben, weil der Gesamtstaat (unserer nämlich) in ihren Augen doch nur ein verkappter Weststaat, d.h. ein Weststaat mit Herrschaftsansprüchen nach Osten ist).

Nichtsdestoweniger wird uns nichts anderes übrig bleiben, als nach Deinem Plan zu verfahren – et verrons.

Leider, ich komme immer wieder darauf zurück und ärgere mich, glaube ich, dass eine Lösung (wenn überhaupt) eine diktatorische Lösung sein muss, denn ich sehe wahrhaftig keinen Inlandsdeutschen, der auf anderes als auf das harte klare Kommando reagieren würde. Die Demokratie – Präfix- oder Suffixdemokratie – haben einstweilen nur sehr wenige begriffen, aber die Kaserne haben sie alle in den Knochen, sodass man ihnen vielleicht mit Gewalt Gutes tun muss. Du entsinnst Dich: “Lieben sollt ihr mich, ihr Hundsfötter.“

Des weiteren: Manchmal scheint mir, als seien alle Parteien, die es in diesem neuen Deutschland gibt, komische und ausschliesslich “mit Erlaubnis“ funktionierende Institute. Was es gibt, greifbar, sind Militärregierungen mit mehr oder weniger sichtbarer Machtfülle, mehr oder weniger sichtbarem Willen zur Einmischung. Und eben die entsprechenden MG, Kampfwagen und was so dazu gehört – Ich wünschte, wir wären da. Denn leider sind die einzigen, die sich nicht an “Erlaubnisse“ halten, die Unerfassten, die neuen Nazis (oder auch die alten, wie Du willst). Solange sie vorhanden sind, werden die Militärregierungen – was logisch ist – nicht anders können, als eben Militärregierungen sein und sich als solche benehmen. Wenn wenigsten eine einzige von ihnen gutwillig wäre und sich als Mittel zum Zweck benutzen liesse, was a la longue ja auch dem so erwünschten (von den Alliierten und von den Deutschen) Frieden zugute käme. Aber ich sehe da nichts Gutes. –

Zur zweiten Frage, der über das Wahlrecht, kann ich Dir nichts sagen. Davon verstehe ich zu wenig und bin ausserdem viel zu sehr argentinisiert, das heisst zu sehr an das hiesige Wahlsystem mit Mehrheit und Minderheit, mit jeweils nur zwei Parteien in jeder Provinz, gewöhnt, als dass ich über Wahlrecht in Deutschland etwas sagen könnte, ohne dass mir jemand in ausführlichem Gespräch erklärte, wieso und wieso nicht. Dazu also bin ich zu dumm. Vieles geht mir auch in meinen unmathematischen Kopf einfach nicht hinein. Ich weiss nur, dass ich es für richtig halten würde, wenn die Wähler ungefähr wüssten, wen sie nun zu ihrem Vertreter im Parlament wählen. Auch scheint es mir wichtig zu sein, nicht nur eine legislative Kammer zu besitzen, sondern mindestens zwei, denn ich habe inzwischen gelernt, dass ein Senat nicht immer reaktionär zu sein braucht.

!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Du siehst, wie nötig ich Dich hätte, damit ich erst einmal wieder in das politische Rutinedenken hineinkommen kann. Eigentlich bin ich sehr unglücklich, wenn ich sehe, wieviel mir fehlt, und ich komme mir, wenn ich die weisen Ergüsse im Tagesspiegel lese, einfach dehmlich vor. Ich könnte das nicht. Schlimm genug, dass bei mir alle Lösungen immer mit der Praxis beginnen und die Praxis mit dem guten Willen. (Weshalb mich ja auch die Parteien nicht mögen.)

Es müsste alles ganz anders sein. Ich habe viel Aerger mit meinen Papieren, lerne viel sehr schlechten Willen kennen und sehe so recht keinen Ausweg, denn ich kann mich ohne Personalausweise nicht bewegen, auch nicht aus dem Lande herauskommen. Man vertröstet mich auf den kommenden deutschen Konsul (sic). Niemand scheint die Absicht zu haben, die Papiere der (antifaschistischen) Ausländer wirklich in Ordnung kommen zu lassen. Sie werden wissen warum. Und so ist es denn eben scheusslich. Dazu viel Arbeit, die mir keine Freude macht, mir aber Zeit nimmt, selber Arbeit zu leisten, die mir Freude machen würde und die ich für wichtig halten würde.

Dies ist kein Brief, sondern irgendetwas Komisches.

Sei sehr sehr herzlich gegrüsst von Deinem Dir sehr treuen

Peter