Brief 77
Hs. Brief vom 14. August 1952
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Mein lieber Kurt,
es dauert bei mir immer eine gewisse Zeit, diesmal aber waren die Umstände ein bißchen verrückt, denn wir mußten [um Evita Peron] trauern, teils amtlich, teils außeramtlich. Vor allem, die Trauertage waren dem Geschäft nicht zuträglich – sehr traurig also, und wenn man nun wenigstens über die Dinge schreiben könnte … Man kann jedoch nicht. Es wäre da manches zu berichten, über Demagogie, Leichenschändung, Geriss um einen toten Namen und einen mit Öl und Salbe verkleisterten Machtkampf zwischen Gewerkschaften und Regierung, dem das Volk, was rührend und manchmal schön war, mit offenen Mäulern zuschaute.
Lieber, inzwischen habe ich viel von Dir gelesen, und manchmal weiß ich nicht, woher Du Dinge hast, denn es ist sehr vieles von mir, und auch mein, wahrscheinlich von Dir beanstandetes, historisches Denken ist Dir sehr nahe. Es ist ein schönes Buch, und ich bin eigentlich tief traurig, dass ich Dich damals, noch in Berlin, nicht so gekannt habe wie heute. Ich war damals sehr für Dich, aber durfte es nicht sein und war wohl auch einmal oder das andere verärgert, dass da Karsch gemocht wurde, dessen Imitationsfähigkeiten ich lange genug kannte, und mich nun wunderte, dass Hiller nicht sah, dass es das einzig Wichtige an Karsch war. (Der Gerechtigkeit wegen ist zu sagen, dass Karsch Hiller gut assimiliert hat, so gut, dass bei Karsch sogar in 25 Jahren ein Bodensatz an Eigensubstanz entwickelt wurde.) – Zugegeben, ich bin ein wenig verärgert, denn ich hatte Karsch Gedichte geschickt und hätte zum mindesten eine Bestätigung erwartet. Es sieht denn auch immer mehr so aus, als käme ich den Deutschen immer ferner.
Suhrkamp hat inzwischen mit relativer Höflichkeit abgelehnt, auch Rücksendung des Manuskripts angekündigt. Dabei ist dies kaum noch von mir zur Veröffentlichung gewünscht gewesen. Meine Wünsche gehen in [eine] andere Richtung. Ich habe ein paar geschäftliche Dossiers, die wenn sie gut anschlagen, mich finanziell sanieren könnten, mir die Möglichkeiten gäben, in Ruhe zu arbeiten und, wahrscheinlich, eines Tages in [19]53 mit Dir zusammenzutreffen, in England oder Deutschland oder bei den Hottentotten, was mir am liebsten wäre. Ich habe, aus Gründen der Disziplin, einen Chef nötig, und betrachte Dich als „Chef“, denn ich habe vor Dir, sozusagen als einzigem einen ganz gehörigen Respekt. Im allgemeinen habe ich nämlich gar keinen.
Briefmarken habe ich ein paar zusammengeholt, sie sind nicht alle tadellos, aber die ganze Geschichte der Artigas auf den Uruguaymarken macht mir viel Spaß. Die sind alle nach Bildern des uruguayischen Malers Blanes, der gegen 1880 [recte: 1901] starb und manches von dem, was er malte, noch als Kind gesehen hat. – Nun vielleicht macht es Dir Freude und dann ist es gut.
Inzwischen grüßt Dich von Herzen Dein
Peter