Brief 86
Hs. Brief vom 15. Februar 1965
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Mein sehr geliebter Kurt,
dies ist nun mit einiger Verspätung mein erster Brief im neuen Jahr an Dich, der hoffentlich nun auch abgesandt wird. Ich hatte schon ein paarmal angefangen, Dir zu schreiben, war einmal bereits – und das mit Maschine – ziemlich weit gediehen, und dann kam es mir plötzlich so kümmerlich vor. Was ich Dir eigentlich schreiben möchte, kann ich Dir nicht schreiben. Es reicht einfach nicht dazu. Aber in diesem Brief, der ja, wenn auch verspätet, ein Neujahrsbrief ist, muß ich Dir wenigstens sagen, dass Du der einzige und letzte meiner Freunde bist, der für mich noch die große Verbindung zu Europa und im engeren Sinne zu Deutschland darstellt. Es ist geradezu unwahrscheinlich, wie sehr wir in vielen Punkten – entscheidenden – doch weiß Gott ohne Verabredung, parallel gedacht und getan und geschrieben haben. Beweis dafür Deine Umkehr der Außenpolitik und auch so manches aus dem ‟Λύγξ”, der ja doch wohl mit dem weithinsehenden Lynkeus [Seher aus der Argonautensage] zu tun hat. Du umfaßt natürlich eine viel größere Weite als ich, der ich mich auf ein kleines Spezialgebiet beziehe, von dem ich etwas verstehe. Aber hier wie da handelt es sich um den Kampf gegen das, was ich unter dem Namen Demagogie zusammenfasse. Auch hier, in Lateinamerika, geschieht nichts mehr, weil es geschehen muß, sondern weil irgendwelche Gruppen, die man für geeignetes Wahlmaterial hält, damit gewonnen werden sollen. Man krankt an Gespensterfurcht, nicht weil die Gespenster wirklich so schrecklich wären, sondern weil man die Phasen einer längst und ohne Ruhm vergangenen Zeit aus utilitaristischen Gründen nicht vergessen will. Deswegen spricht man sich einerseits für Alles aus, andererseits gegen Alles – und das, wie es paßt, im gleichen Atemzug. Wozu noch der allgemeine Hang zum ‟Partisanentum” als solchem kommt, das in Lateinamerika ein Eigenleben bekommen hat. Alle Gegensätze zwischen äußerst rechts und äußerst links sind damit verwischt. Es genügt, wenn die Partisanen Bärte und olivgrüne Feldblusen tragen, um eine Bundesgenossenschaft zwischen den Extremen herbeizuführen.
In Argentinien befindet sich zur Zeit auf Besuch der Mann von der moralischen Wiederaufrüstung, Peter Howard, den ich selber nicht kennen gelernt habe. Ich kenne dagegen einige seiner hiesigen Anhänger. Howard wird hier in höchsten Kreisen herum gereicht, und es wäre natürlich schön, wenn es plötzlich einmal Ethik als allgemeine Norm gäbe. Leider aber habe ich das Gefühl, dass sich die Bewegung Howards eher als eine Rettungsaktion für den existenten Kapitalismus als als [!] Bewegung zur Schaffung des schönen Menschenbildes erweist. Ich werde immer stutzig, wenn einem Rettungen durch Abarten fernöstlicher Philosophien empfohlen werden. Das sind immer so Ausweichgleise, um ohne viel nachzudenken, der Wirklichkeit aus dem Wege zu gehen, die natürlich manchmal stört. Howard tritt hier auf mit einer Dame McLeod, schottischer Clans____, begleitet von ihrem obersten Dudelsackpfeifer (beide im Kostüm), einem japanischen Bankier (im Kostüm), einem Enkel Gandhis (im Kostüm) und produziert auf diese Weise ‟Verständigung” zwischen den Rassen usw. – Und dann ist da noch einer, um den viel Wesens hier gemacht wird, besonders in Kreisen, die unter Hitler zwar nicht direkt in die Stube geschissen haben, aber doch wenigstens ins Vorzimmer, ein Mann namens Jean Gebser. Kennst Du den? Wenn man seine Biographie liest, so hat man beinahe eine Geschichte des Fluchtens [?] im Augenblick, bevor es brenzlich wird, vor sich. Der möchte nun etwas verklausuliert vom Ich zum Du kommen, unter Umständen auf dem Weg über den Zen-Buddhismus. Praktisch.
Um nun vom Pack wegzukommen – Bötticher ist mit Verspätung hier abgesegelt, hat eine Kleinigkeit zum Spielen für Dich mitgenommen, und wird wohl nun irgendwann aufkreuzen. Er ist, wie gesagt, eine einfache Seele, aber grundanständig, was schon eine Qualifizierung ist. Andere vom AT-Stock haben sich weniger gut gehalten. Mitte Januar haben wir meinen Kollegen und Freund Hans Jahn begraben, der mit den sehr oft hässlichsten materiellen Seiten des Daseins nicht fertig und daher zu Rauschgift und zur Kriminalität gebracht worden war. Er ist 53 Jahre alt geworden und war ein Opfer einer wundervollen deutsch-schweizerisch-argentinischen Gesellschaft, zu der die AT-Alemanns gehören, die es nicht begreifen, wie einer vielleicht auch ein bisschen menschliches Glück braucht, um sich entfalten zu können. ‟ΥΒΡΙΣ” [Hybris] – Es war traurig.
Eines der Opfer war vor nun fast zwanzig Jahren (1946) Paul Zech, dessen merkwürdiger Sohn Rudolf mir ein paar mal – völlig schizophren – geschrieben hat und mir eine Biographie seines Vaters aufoktroyieren wollte, die nichts mit dem Leben Paul Zechs zu tun hat. Ich habe ja immerhin die letzten Lebensjahre Zechs sehr aus der Nähe mit ansehen können. Und soweit Paul zu kennen war, kannte ich ihn. Hast Du mal was von diesem Rudolf gehört?
Hans Bayer war zu Beginn 1964 einmal in Buenos Aires, um vom Bundespresseamt Bonn den Lübke-Besuch mit vorzubereiten. Er war bei den Alemanns, wollte mich gern sehen, wurde daran aber von den Alemanns verhindert. Er hat aber Hinz und Kunz eine Menge von mir erzählt. Er war nach dem Krieg zunächst Presseattaché in Rio, wo er es durch eine gründliche Sachkenntnis zu bestem Ruf gebracht hat. Wie sich sein Antinazismus (mehrfach geäußert) mit seiner Tätigkeit als DNB [Deutsches Nachrichten Büro]-Vertreter in Brasilien während der Hitlerzeit vereinbaren läßt, weiß ich nicht. Es soll Fälle gegeben haben. Er wurde dann zum Bundespresseamt Bonn versetzt, soll aber, wie ich höre, wieder nach Brasilien an die Botschaft kommen.
Deine lieben tröstlichen Worte für Barbara sind sehr schön angekommen. Aber, dass Du auch … Es wäre doch sehr entsetzlich, und so will ich von ganzem Herzen hoffen. Zumal auch hier eine Besserung eingetreten ist und möglicherweise – Optimist, der ich bin (?) – die Operation des linken Auges [bei Barbara] nicht notwendig werden wird. Mir selber geht es, besonders nachdem ich in letzter Zeit schwer an der Übersetzung von Außenministerreden ins Deutsche und Englische (zum Stumpfsinnigwerden) gearbeitet habe, ganz gut. Nur ist es hier in diesem Jahr etwas zu andauernd heiß.
Hoffentlich höre ich bald von Dir. Inzwischen bin und bleibe ich
Dein Peter
1965
[handschriftlich]
Für Kurt zum
Neuen Jahr
von Peter
Nun weint nicht zu sehr, dass ein Jahr zuende geht
Und allzu schnell das nächste sterben muss,
Denn jene Teilung – Jahr um Jahr – besteht
Durch unsres Willens eigenen Beschluss.
Und für das Grosse, das mit uns geschieht,
Ist Anfang und auch Ende noch im Werden:
Im ungeheuren endlos endlichen Gebiet,
Der erste Schöpfungstag für alle Erden.
Dies Jahr war viel zu kurz, gemessen an der Welt.
Was tuts. Es war doch nur ein Erdenjahr,
Ein Stein, der auf die Wasserfläche fällt,
Und nur als Anstoss neuer Wellen ewig war.
Ach, können wir denn nicht erringen,
Uns auf zum Weltenjahr, zum Himmelsjahr zu schwingen?