Brief 85
Ms. Brief vom November 1964
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
(Provincia de Buenos Aires)
Aviador Piccione 754
[November 1964]
Mein sehr geliebter alter Freund Kurt,
(das “alter” bezieht sich, wie Du wünschst, auf “ego” oder Anciennität, nicht aber auf Alter). Ich habe lange Zeit keine so grosse Freude gehabt, wie ich sie hatte, als Dein Brief kam. Denn es war eigentlich die Wiederherstellung der Verbindung mit Dir, die mir Jahre hindurch auf der Seele gelegen hatte und die mir fehlte, wie mir überhaupt der Widerhall meines ganzen südamerikanischen Tuns – im weitesten Sinne – gefehlt hat, das doch ziemlich umfangreich war und ist. Ich bin eben doch sehr allein gewesen und dabei nicht einen Augenblick lang ausser Gefecht.
Dann langte auch noch die “Umkehr der Aussenpolitik” an, und es stellte sich heraus, dass der verehrte Führer Kurt Hiller genau die gleiche Richtung eingeschlagen hat, mit den kontinental bedingten mutandis mutatis, die man selber und ganz ohne Verabredung seit langem verfolgt. Gewiss, mein Raum ist kleiner und beschränkt sich darauf, ein völlig losgelöstes Bild Lateinamerikas zu geben, unabhängig von allen fixen Theorien und gebräuchlichen Schlagworten, die sich am Ende als Schablone erweisen, in die man die Dinge hineinpresst, um sie auf solche Zwangsweise zu erklären. Aber die Hauptsache, der gleiche Nenner, ist da: die Demaskierung jeglicher Demagogie, von welcher Seite sie auch kommen möge.
Ich war Dir so dankbar. Denn ich hatte eine Bestätigung dringend nötig. Meine Tätigkeit im “AT” ist im wesentlichen dadurch zuende gegangen, dass durch allerlei Veränderungen in Geschäftsleitung und Redaktion meine Unabhängigkeit immer mehr beschränkt wurde und ich langsam erstickte. Andererseits bedurfte ich, ich kenne mich selber gut genug, eines festen Rahmens. An diesem Zwiespalt wäre ich beinahe eingegangen und es gehörte schliesslich noch ein Quantum direkter Gemeinheit mir gegenüber dazu, dass ich den Fall quittierte. Leichter ist mein Leben dadurch nicht geworden, gerade wegen des Rahmen-Bedürfnisses – aber ich glaube, dass es zum Guten auslaufen wird.
Immerhin habe ich materiell die Möglichkeit, eine Weile durchzuhalten. Vor etwa vier Jahren konnten wir unter finanziell recht guten Bedingungen die Buchhandlung aufgeben.
Es war allerdings die höchste Zeit, denn meine liebe Barbara, mit der ich nun über zwanzig Jahre zusammen bin und die ich inzwischen recht gut zu verstehen gelernt habe, war mit ihren Kräften völlig zuende. Wir kauften uns dann in dieser Gartenstadt von Palomar, die im äusseren Vorortring von Buenos Aires liegt, ein sehr hübsches Haus mit – endlich einmal – ausreichenden Räumen und einem Garten, den ich mit Zitronen, Apfelsinen, Mandarinen und Feigen, Bambus und Kakteen bepflanzt habe, die wunderbar gedeihen. Es ist auch genügend Platz für meine ziemlich grosse Bibliothek da. Nachdem sich Barbara zunächst hier gut erholt hatte, sie hat mich getreulich erwartet, wenn ich in den frühen Morgenstunden aus der Redaktion nach hause kam, Ansprache sehr nötig hatte und manchmal auch Trost angesichts einer höchst unerfreulichen politischen Lage, – nachdem ich also erwartet hatte, dass ich mir keine Sorgen um sie zu machen hätte, verschlechterten sich ihre Augen so sehr, dass nun schon am rechten Auge eine Staroperation vorgenommen werden musste, deren Folgen sie sehr langsam überwindet. Und dann wird die Operation des linken Auges fällig werden. Sie kann nur noch mit grosser Mühe lesen, was für jemand, der an geistiges Arbeiten gewöhnt war, sehr bitter ist. Ausserdem entfällt auf mich, da Personal schwer oder garnicht zu bekommen ist, ein ziemlicher Teil der Hausarbeit. Das Leben ist also wieder einmal nicht so sehr leicht …
Der Vollständigkeit halber seien die anderen Hausgenossen vorgestellt: mein Hund Butch, ein australischer Dingo, der graue Kater Mao und die Schildkröte Paule (in Erinnerung an Paul Zech).
Auch sonst laufen die Dinge nicht ganz so wie sie sollten. Meine argentinische Geschichte ist fertig und auch bereits gesetzt, leider aber, da es nicht leicht ist, einen anständigen Setzer für Deutsch zu beschaffen, so schlecht, dass sich die Vorbereitung für den Druck immer wieder verzögert. Mein hiesiger Verleger ist daher etwas verzweifelt, zumal wir gehofft hatten, das Buch noch auf den deutschen Weihnachtsmarkt zu bringen. So wird es nun wohl erst ein Osterei werden.
Inzwischen habe ich bereits ein zweites kleines Buch vorbereitet, das in zwei Biographien die beiden Kräfte zu schildern bemüht ist, die bei der Entstehung eines lateinamerikanischen Staatswesens wirksam wurden. Den einen der Biographierten kennst Du, es ist der von mir heiss geliebte José Maria Paz. Der andere ist Andresito Guacurarí, der Chef der Guaraníes der Missionen in der Zeit der Loslösung von Spanien. Im Dezember wird einer meiner guten Bekannten, ein etwas langsamer aber grundanständiger Mann namens Hans Bötticher Dich in meinem Auftrag in Hamburg besuchen und Dir das Manuskript des Buches N°2 mitbringen. Er weiss ganz gut über uns hier und die Verhältnisse im allgemeinen und besonderen Bescheid.
Leider hat Walther Karsch, der von meinem Freund Dr. Hans Martin Semon – der URO-Vertreter in Buenos Aires war und nun in gleicher Funktion in Berlin ist – darauf aufmerksam gemacht worden ist, dass ich an Korrespondenz interessiert bin, einigermassen unerfreulich reagiert. Ich hatte ihm, nachdem er mir auf Intervention Semon hin geschrieben hatte, geantwortet und ihm einige meiner AT-Leiter mitgeschickt, damit er daraus entnehmen könne, in welcher Art ich die Dinge anfasse. Relativ schnell traf eine herablassende Antwort ein, dass man ja, wie ich mir wohl denken könne, in Amerika eine ganze Reihe von Korrespondenten habe, aber vielleicht, wenn ich mal … usw, usw. Keine Andeutung über besagte Artikel, keine Antwort auf ein paar aktuelle Themenvorschläge. Ich muss gestehen, dass ich, obwohl ich mir eigentlich keine Illusionen über W.K. gemacht hatte, leicht verärgert war.
Dabei ist die deutsche Berichterstattung über Lateinamerika so hundsgemein schlecht, sachlich falsch und mit erfundenen Sensationen gefärbt. Ich habe gerade im “Spiegel” über die Expedition gelesen, die ein gewisser John angeblich nach Paraguay und den Paraná aufwärts gemacht hat, um Mengele zu finden. Ich kenne die Gegend zufällig sehr sehr gut und möchte gern das Fell des Bären haben, den Herr John den Leuten aufgebunden hat. Es würde als Teppich für meine Hall reichen, so gross ist es. Es scheint allerdings, als sei in Südamerikafragen Sachkenntnis verboten. Der hiesige unter dem Protektorat der Botschaft betriebene “Kultur”-Aufwand ist auch erschütternd. Recht gutwillige argentinische Kreise sind manchmal regelrecht vor den Kopf geschlagen, was ihnen da so als Errungenschaften made in Germany vorgetragen wird (meist in schauerlichem Spanisch) oder, wie findest Du, dass das Thema “Anouilh und der Existenzialismus Sartres” in eine deutsche Kulturwoche passt? Vorher hatte der vielbegackerte Borges einen Vortrag über altgermanische Literatur gehalten, der direkt aus dem Lehrbuch für die Unterstufe von Hilfsschulen entnommen war.
Dagegen soll man nun ankommen. Aber jetzt habe ich, glaube ich genug gestöhnt. Ich lege ein paar Artikel bei, sozusagen hand picked, damit Du mir sagst, ob sie wirklich so deutsch unbrauchbar sind.
Und inzwischen bin und bleibe ich Dein Dir sehr ergebener
Peter