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Brief 84

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Hs Brief o.D. [Anfang August 1964]
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
PETER BUSSEMEYER [gedruckter Briefkopf]
Ciudad Jardin Lomas Del Palomar
(Pcia de Buenos Aires)
Aviador Piccione 754

Lieber Kurt,

die Anlage, die ich in einem Band des “Zwiebelfisch” fand, den ich in einem Antiquariat erstanden hatte, wollte ich Dir schon seit so langer Zeit schicken. daß ich mich fast schäme, sie Dir nun endlich zu senden. Es gehört dazu, dass ich meine Agoraphobie in Fragen Korrespondenz erst einmal überwinden mußte, die mit den Jahren nicht kleiner geworden ist. Möglicherweise ist es mir nur geglückt, nachdem ich mich nicht ohne schwere Mühe und von einem Herzfehler begleitet, aus der Routine des Argentinischen Tageblattes befreit habe. Damit ist, als Nebenerscheinung, wieder ein Traum zerstört, aber ich konnte es wirklich nicht mehr ertragen, wenn ich nicht Schaden an meiner Ehre hätte nehmen wollen. Jetzt geht es mir wieder ganz gut, zumal die äußeren Umstände meines Lebens, wenn schon nicht komfortabel, so doch recht erträglich sind. Ich muß eben, was ich schon öfter getan habe, von vorn anfangen, aber diesmal darf ich mir wenigstens Zeit lassen.

Was meine augenblickliche Tätigkeit anbetrifft, so besteht sie im wesentlichen darin, den Versuch zu machen, das Band zu den Ursprüngen wieder anzuknüpfen, die ich immer in mir gefühlt habe. Es ist nur furchtbar schwer, denn ich bin in mehr als dreißig Jahren mit der einen Hälfte meines Lebens Lateinamerikaner geworden und spreche, allem Deutschschreiben zum Trotz, eine andere Sprache. Beziehungen habe ich nach verschiedenen Seiten aufgenommen, denn es müßte ja wohl möglich sein, meine nicht ganz geringen und auch nicht oberflächlichen Kenntnisse über meinen fatal unbekannten neuen Erdteil dem alten Erdteil nutzbar zu machen. Mein jahrelanger Kampf geht gegen die europa-morphisierenden Berichterstatter, speziell gegen die holzköpfigen Ideenkauer sowohl der washingtoner, als auch der moskauer Richtung, die uns mit einem Strom von Sterilität überschüttet haben, in dem wir, falls wir nicht ganz ersoffen sind, soviel mit Schwimmen zu tun hatten, dass wir zu keiner anständigen Leistung mehr kommen konnten. Es ist, ich habe es Dir früher oft genug geklagt, schwer, durch die Mauer zu kommen. Vielleicht gelingt es diesmal.

Voraussichtlich wird in den nächsten Monaten – in deutscher Sprache – eine argentinische Geschichte (1820–1963) von mir erscheinen, die mich eine ganze Weile beschäftigt hat. Im übrigen wäre das, was ich gern möchte, eine mehr oder weniger permanente, prinzipielle Berichterstattung über lateinamerikanische Ereignisse. Das könnte dann à la longue vielleicht auch einmal zu einer mindestens partiellen Heimkehr führen. Man müßte nur eine Gewißheit haben, dass bei allem Heimweh nicht schließlich doch das Heim nicht mehr vorhanden ist.

Dein Bild steht immer noch mit den Photos meiner Eltern als eines der geliebtesten Menschen in meinem Schlafzimmer, und ich habe mich oft mit Dir unterhalten. Nur war es ein bißchen einseitig. Einmal habe ich auch sehr sonderbar von mir geträumt. Du hattest mich in Buenos Aires besucht und mußtest nun wieder abreisen. Als wir uns verabschiedeten, was mir sehr wehtat, sagte ich Dir: Wenn Du nun schon aus Europa hierher gekommen warst, hättest Du doch eigentlich in Hamburg den Dr. Hiller besuchen sollen. Es hat mich noch sehr lange beschäftigt und ich habe für diese merkwürdige Spaltung keine Erklärung gefunden. Vielleicht findest Du sie?

Inzwischen, wenn es so sein sollte, hoffe ich darauf. Das Leben ist nicht einfach, und da ich nun einmal ein politischer Mensch bin, mache ich es mir, so gut ich kann, noch komplizierter. Grund genug ist allerdings vorhanden, sich Sorgen zu machen. Sehr herzlich grüßt Dich

Dein Peter