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Brief 83

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Ms. Brief vom 8. Dezember 1958
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
PETER BUSSEMEYER [gedruckter Briefkopf]
Buenos Aires, 8. Dezember 1958
Reconquista 424

Mein lieber, über alles geschätzter Kurt,

da hatte ich nun Deinen Brief mit regelrechter Sehnsucht erwartet, die nicht kleiner wurde, da dieser Brief dann by ordinary mail kam. Und ich nahm mir Tag für Tag vor, sofort zu antworten. Es ist traurig, dass ich es nicht geschafft habe, aber so ist das nun einmal bei mir. Ich habe viel zu viel zu tun und komme, wie die berühmte morgensternsche Nähe nicht zu den Dingen selber, auch wenn ich garnicht so verträumt umher schleiche.

Die Zeitung, gemeint ist A.T., nimmt mich ziemlich mit. Es ist das alte Elend, das ich nun schon gut genug von früher her kannte, man muss alles selber tun. Sobald sich auch nur ein Moment des “Laufenlassens” ergibt, wird alles ganz anders, als man es möchte. Das kostet Zeit und Nerven. Nur macht es mich sehr froh, dass die Ergebnisse gut sind. Diese Arbeit hatte mir gefehlt.

Ich habe keine Ahnung, wie weit man in Deutschland von der argentinischen Situation wirklich unterrichtet ist. Was ich gut genug weiss, ist, dass eine Berichterstattung auf einer ganz anderen Grundlage notwendig wäre, als sie zur Zeit stattfindet. Wenn ich da einmal eingreifen kann, werde ich es tun. Wir erleben hier so ungefähr das Merkwürdigste, das sich politisch – im weitesten Sinne – erleben lässt. Es handelt sich dabei um das Verlassen jedes nur denkbaren moralischen Standards, um ein “Programm” durchzusetzen, das angeblich zur wirtschaftlichen und damit al la longue auch zur moralischen Sanierung des Landes führen soll. Die Lage ist so ungewöhnlich paradox, so sehr “andere Seite” auf kubinisch, dass man schon eine sehr eigene Linie haben muss, um nicht vollkommen die Orientierung zu verlieren. Wir haben nach dem Ende Peróns eine Militärregierung gehabt, die sich weitaus zivilistisch-verantwortungsbewusster benommen hat, als irgendeine der “zivilen” Regierungen, die ich in meinem Leben kennen gelernt habe. Wir haben jetzt eine Rotte mittelständlerischer oder halbproletarischer Italiener, die sich mit “Erfolg” bemühen, Politik auf die Weise Cesare Borgias zu machen, von dem sie wahrscheinlich glauben, dass er Minister im Kabinett Mussolinis war. Dabei spielen sie langsam aber sicher einer nationalistischen Offiziersgruppe die Macht in die Hände, die zu beseitigen sich die, ebenfalls, Offiziere der Militärregierung alle Mühe gegeben haben. Und wenn schon die Regierung in hemmungslosem Nationalismus macht, so wird sie darin von der Opposition aller übrigen Parteien noch bei weitem überboten. Es ist kaum zu ertragen. Ich bemühe mich, solange ich kann, etwas dagegen zu tun. Solange ich kann, heisst, dass es bereits wieder eine Zensur für Radio und Fernsehen gibt, aber noch keine Zensur für die Presse. Warten wir also ab. Jedenfalls erweist sich die sogenannte parlamentarische Demokratie für Argentinien als eine der ungeeignetsten Staatsformen.

Was ich, eigentlich hat mich das, was Du dazu bemerkst, etwas geärgert, mit der Reise nach drüben meinte, ist, dass jeder von meinen sogenannten deutschen Kollegen, die sich während des Krieges so erfreulich nazistisch gebärdet hatten, ihre Korrespondenz bei einem Devisen zahlenden deutschen Blatt gesichert haben, dass meine vielen Bekannten, von denen ich erwartet hätte, dass sie sich nach mir die Finger ablecken würden (ich beziehe mich dabei immer nur auf das Journalistische), vollkommen versagt haben, sodass ich zwar nun das edle Bewusstsein habe, mich anständig benommen zu haben, aber mir dafür kaum etwas kaufen kann. Was du ohnehin wissen solltest, ist dass mich weder Moskau noch Pankow interessiert, weder geschäftlich noch otherwise. Aber immerhin hätte ich Europa gerne noch einmal gesehen, und in Europa zum Beispiel Dich, nachdem Du wirklich der letzte Mensch bist, der da ist.

Um gleich noch einen weiteren Irrtum richtig zu stellen. Barbara Herzfeld ist mit Wieland Herzfelde weder verheiratet gewesen, noch schätzt sie ihn mehr als Du. Sie ist theoretisch noch immer mit John Heartfield verheiratet, der sich seit fünfundzwanzig Jahren ihr gegenüber schlecht benommen hat. Was das “de“ anbetrifft, so handelt es sich um die vorschriftsmässige Benennung verheirateter Frauen in spanisch sprechenden Ländern. Das heisst nämlich nichts anderes als “Frau des …“. Es wäre noch festzustellen, dass sich Barbara zu mir so ungeheuerlich gut benommen hat, sozusagen unter Lebensgefahr, als es mir hier beinahe an den Kragen gegangen wäre, dass mir garnichts anderes übrig bleibt, als mich ebenfalls gut zu benehmen, noch dazu, wo sie jetzt ein von Rheumatismus und Basedow zerfetzter Schatten eines Menschen ist. Deswegen muss ich auch, was für mich selber nicht so notwendig wäre, auch noch an dem Geschäft festhalten. Ich hoffe allerdings, dass sich in diesem Zusammenhang nächstens etwas ändern wird, da das Lokal sehr gut liegt und hoffentlich bald mit entsprechender Entschädigung für Neubauzwecke enteignet werden wird.

Einer meiner weiteren Berufe ist der sogenannte Wirtschaftsbericht der Deutschen Handelskammer. Aber auch das bringt keine Devisen, und die argentinischen Pesos – selbst wenn es ziemlich viele sind – reichen nur dazu aus, mit Mühe und Not zu leben und dabei nicht ganz und gar auf den Hund zu kommen. Et hinc illae lacrimae (siehe oben).

Ich habe mich über Dein kleines Buch so schrecklich gefreut, möchte auch nicht versäumen, laureato quinquagesimi anni meine aller-aller-allerherzlichsten Glückwünsche auszusprechen. Was mich sehr glücklich macht, ist dass Deine Stellung zu sovielen Dingen der meinen so unglaublich ähnlich ist. Dabei haben wir uns doch bestimmt nicht verabredet. Dass es auch wieder halbwegs mit meinen journalistischen Arbeiten funktioniert, ist nicht zum kleinsten Teil darauf zurückzuführen, dass Du da warst. Es gibt manches von Dir, das ich auf ehrenvolle Weise plagiiere. Leider sind die meisten der tagespolitischen Kritiken, die ich mir im A.T. leiste, so lokal gebunden, dass ich ganze Kommentare dazu schreiben müsste, wenn ich Dir eine davon schickte. Hier habe ich mein Publikum, das manchmal schon richtig darauf wartet zu erfahren, was ich zu irgendetwas denke.

Was macht Deine Absicht einer Zeitschrift? Wie soll sie aussehen? Willst Du ganz auf Theorie oder auch etwas auf allgemeine Fragen des Tages hinaus? Man müsste wirklich einmal sehr lange und sehr ausführlich, aber eben nicht schriftlich, darüber plaudern. Ich bekam zeitweise die Deutsche Rundschau Pechels, die mir mehr oder weniger gut gefallen hat. Wie denkst Du darüber? Meine Bücherträume sind einstweilen durch Zeitmangel aber auch durch Verbindungsmangel in Frage gestellt, obwohl ich oft an Ideen herumknabbere. Du musst Dir nur vorstellen, dass es hier – darum war mir seinerzeit Zech so sehr viel wert – niemand mehr gibt, mit dem ich mich auseinandersetzen und dabei orientieren kann.

Wenn ich es irgend möglich machen kann, das heisst, wenn es möglich sein wird, eine Fahrgelegenheit nach Europa zu bekommen, werde ich versuchen, im kommenden europäischen Sommer nach drüben zu fahren. Im Winter ist es mir zu kalt.

Es gibt übrigens hier verschiedene Radio-Korrespondenten. Mir ist nicht ganz klar, wieso und warum, aber es muss doch wohl eine geschäftliche Seite vorhanden sein. Nachdem Du mit Rundfunk gut bekannt bist, wäre ich Dir für Auskunft dankbar. Vielleicht lässt sich da einmal eine Möglichkeit für mich finden. Die grossen deutschen Tageszeitungen sind hier mehr oder weniger vertreten. Nazis, wie bereits oben berichtet, sind bevorzugt.

Dabei fällt mir ein, dass Hans Bayer jetzt als Presseattaché in Rio sitzt. Er gilt als bester Spezialist in brasilianischen Fragen. Jedesmal, wenn zufällig sich einer meiner Bekannten nach Rio verirrt, trifft er dort Bayer. Vor fast zwanzig Jahren war es ein Vertreter einer hiesigen Agentur, der Bayer als DNB-Korrespondenten dick, noch mit Haaren und echtem schwäbischen Gansbraten traf, jetzt vor kurzem ein junger Mann von uns, der auch schweizerische Zeitungen vertritt. Er traf ihn als Attachen, noch immer dick, aber mit weniger Haaren und ausgezeichnetem schwäbischen Gansbraten. Er liess mich beide Male herzlichst grüssen, ich reagierte allerdings wieder einmal sauer.

Die Sache mit Zornig war übrigens anders gemeint. Ich hatte Zornig vor sehr vielen Jahren, als er sich unter Berufung auf Dich an mich wandte, ans A.T. empfohlen, das damals noch in Paketen zahlte, also nützlich war. Zornig schreibt noch immer für uns, obwohl es heute glaube ich kein sehr gutes Geschäft mehr ist. In seinen Arbeiten für uns ist von KP nicht allzu viel zu bemerken, sie sind aber auch sonst nicht bemerkenswert.

Es ist doch schade, dass ich in der gedruckten Liste Deiner dedicandi nicht figurierte. Ich hatte das Gefühl, dass ich im gewissen Sinne mehr hineingehört hätte, als einige andere. Aber das ist nun nicht zu ändern.

Neulich erfuhr ich durch einen Zeitungsausschnitt, dass ein Zech-Sohn eins der, scheint mir, südamerikanischen Gedichtbändchen von Paulen herausgebracht hat. Nach dem, was ich sonst noch las, ist da ein schöner Salat angerichtet worden. Das liegt aber zum guten Teil an den geradezu idiotischen Dingen, die Zech auf dem Gebiet des argentinischen Familienlebens kurz vor seinem Tode angerichtet hatte.

Was Du über Berlin schreibst, ist traurig, entspricht aber ungefähr dem, was ich mir vorgestellt hatte, wenn ich berliner Zeitungen ansah. Karsch hat mir viele Jahre lang den Tagesspiegel geschickt, jetzt bekomme ich ihn aber nicht mehr und habe auch keine Sehnsucht, da ich sowieso keine Lust habe, ein von mir wenig geschätztes Würstchen als Argentinien-Berichterstatter zu finden und auch sonst unerfreuliche Figuren.

Was hältst Du vom “Fall Berlin”? Ich habe das Gefühl, dass eine entschiedene Politik gegen Moskau – um Gottes Willen nicht auf den Kriegsbluff hereinfallen – Wunder wirken könnte. Bisher habe ich aber noch nicht erlebt, dass irgendjemand im Westen die russische Taktik erkannt hätte. Die Angst ist der beste Bundesgenosse der Herren aus Pankow und Moskau.

Damit nun der Brief noch heute wenigstens wegkommt, will ich sozusagen im Satz abbrechen. Zu Weihnachten wird er dann wohl da sein und ich habe dann wenigstens einem, den ich liebe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen gewünscht.

Ich lege Dir einen San Martin-Artikel bei, der sich dadurch auszeichnet, dass er auf Heldenehrung, wie sie hier sehr üblich ist, verzichtet.

Und im übrigen bin ich immer Dein treuer

Peter