Brief 87
Ms. Brief vom 23. Oktober 1965
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Aviador Piccione 754
Mein sehr geliebter Kurt,
nun warte ich seit Monaten vergeblich auf ein Lebenszeichen von Dir, so sehr, dass es oft quälend war und mir den Mut zum Weitermachen fast genommen hat. Mein letzter Brief an Dich ging eingeschrieben anfang Februar ab. Er enthielt einige Briefmarken und ein Gedicht. Inzwischen war mein unbedarfter Freund Bötticher bei dir, was ich allerdings erst sehr viel später erfuhr, da er nicht imstande war – nach ca. 150 Besuchen in meinem Haus – einen Brief richtig zu adressieren. Er sollte Dir von mir einige kleine Vitrinenschnokes, vor allem aber eine Geschichte von mir geben, über die ich Dein Urteil brauchte.
Und immer kam keine Nachricht von Dir, sodass ich einfach Angst bekam, um Dich – gesundheitlich oder wie immer – und auch um mich, denn ich habe wirklich keinen Menschen mehr als Dich, der mich mit dem Früheren verbindet, in dem ich doch nun einmal verwurzelt bin. Wenn ich Dich gekränkt haben sollte, so war es sicher nicht mit Willen. Auch würde ich nicht verstehen, warum Du es mir nicht wenigstens gesagt hättest.
Ich habe viel Arbeit gehabt, die mich wenig interessiert, aber einträglich war; habe auch wieder einmal Krankenpfleger gespielt – und, wie gesagt, manchmal gedacht, dass überhaupt Alles zwecklos sei.
Jetzt ist vor kurzem das Argentinienbuch fertig geworden und in der Auslieferung. Du wirst in allernächster Zeit Dein Exemplar erhalten. Da durch die argentinischen Exportbestimmungen von Privaten keine Bücher versandt werden können, muss ich es Dir durch den Verlag schicken lassen.
Gedacht habe ich immer an Dich und bleibe immer
Dein Peter