Brief 2
Ms. Brief vom 5. Mai 1946
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Reconquista 424
Lieber Dr. Kurt Hiller,
es ist nun allerdings eine ganze Menge Zeit vergangen, nachdem ich Ihren Brief erhalten habe. Eigentlich bin ich pünktlicher in der Beantwortung von Briefen, aber das sind dann meistens geschäftliche Dinge, bei denen nicht viel Aufwand notwendig ist. Nun aber Sie – das ist so anders und gerade bei den Berichten über Bekannte und Freunde, die einem einmal nahe gestanden haben, ganz zu schweigen von Ihnen selber: auf einmal fängt wieder eine Verbindung zu Menschen und Dingen an, die aus dem Grabe aufstehen. Wir haben es hier in manchem besser gehabt und in manch anderem sehr viel schlechter als Ihr drüben. Wahrscheinlich war für uns auch in den schlechtesten Augenblicken mehr zu essen vorhanden und alles in allem weniger Sorge “um den Leib”, aber dafür waren wir hier, verzeihen Sie den Komparativ, noch alleiner, und die Sprache schon fällt uns schwer, da keiner hier war, ausser eben den ganz wenigen, die ich mit dem “Wir” meine, zu denen sich sprechen liess. Dies ist eine Welt für sich, in der sich jeder seine private Sphäre formt, ohne jedoch daran zu denken, dass sie privat ist (privare heisst ja schliesslich berauben und der homo privatus ist auf griechisch idiotes). So geschieht es, dass man sich, so sehr man es möchte, nie aus sich selber herausbewegt, dass man sogar, wenn man, wie ich es ja lange genug getan habe und noch zuweilen tue, für eine in deutscher Sprache erscheinende Zeitung schreibt, doch nur die bereits Bekehrten zum tausendsten Male wieder bekehrt und sich ewig im Kreise dreht, weil man nie weiss, ob die Leistung auch absolut gesehen noch Sinn und Wert behält, oder ob man sich in Wirklichkeit nicht nur vormacht, etwas zu tun. Sie finden hier zugleich die Antwort auf Ihre Frage nach Siemsen. (Private Bemerkung: der einzige nette Angehörige der Familie ist Hans S. und der einzige Kerl Anna Siemsen.) Nämlich, wer sich hier einbildet, er habe Allgemeingültigkeit und sich, siehe oben, nicht über das Bekehren der Bekehrten Gedanken macht, der gerät in den völlig luftleeren Raum, ernennt sich selber zum Diktator, bestimmt, wer Antifaschist ist oder nicht und lässt sich von der kleinen aber miekrigen Gefolgschaft anbeten, die sich aus Individuen der gleichen Konsistenz rekrutiert. Das sitzt nun hier und intrigiert, setzt die alte Denunziantentradition der S.P.D. in dem hier möglichen Masstabe fort, sabotiert seinerseits Einigungsversuche, die übrigens von der K.P.-Seite ebenso munter sabotiert werden, nachdem wirklich alles, was noch über politische Erfahrungen und Traditionen verfügt, verekelt, ausgeliefert und misshandelt worden ist. Wenn Siemsen wenigstens Beziehungen zu Moskau hätte, dann hätte er zum mindesten etwas. Mit anderen Worten: das Andere Deutschland ist zahlen- und gehaltsmässig unwichtig. Dagegen hilft auch die dauernde Selbst-Beweihräucherung und der dauernde Hinweis auf die eigene Geschäftigkeit nicht. Lösungen innen- oder aussenpolitischer Art kann hier ohnehin niemand finden, es war auch während der Zeit der akuten Hitlerei nicht unsere Aufgabe. (Davon später.) Die lokale Gruppe der deutschen K.P. besteht aus einem halben Dutzend Unzurechnungsfähiger, denen es sehr gut bekommt, wenn sie Direktiven erhalten, da ihnen die schwierige Arbeit, selber zu denken, erspart wird. Es kommt ihnen auch nicht sonderbar vor, dass diese Direktiven widerspruchsvoll sind. Sie merken es ohnehin nicht. Und das sind nun die beiden grossen politischen Bewegungen der Deutschen in Argentinien. (Gesamtstärke: zwanzig Männeken.) Was anderes gibt es nicht. Das danken wir unserer sogenannten linken Opposition, die ohne “links” zu sein, seit 1933 alles sabotiert hat, was nützlich gewesen wäre. Ansätze waren vorhanden. Aber das ist nun vorbei, lange.
In diesem Zusammenhang kann ich auch Ihre Frage nach Strasser beantworten. Ich war nie “Strasserianer”, aber in den ersten Jahren nach 1933 gab es hier, neben einer erheblichen Anzahl alter deutscher Sozialisten – mit jener besonderen Färbung, wie sie sich wohl nur im Ausland erzielen lässt – eine weit erheblichere von bürgerlichen Elementen, die konservativ, unter Umständen schwarz-weiss-rot waren, aber bei alldem nicht hitleristisch. Da wir hier doch nichts für die innere Neugestaltung des Reiches zu tun imstande waren, wohl aber, den hiesigen Hitleristen das Leben so schwer wie möglich zu machen, war es notwendig, diese bürgerlichen Kreise, die noch dazu finanziell recht gut dastanden, zu mobilisieren. Dazu brauchten wir die national konservativen Parolen Strassers. Wir bemühten uns damals, eine Art von Einheitsfront zusammen zu bringen, bei der innenpolitische Forderungen reservationes mentales blieben, da das eigentliche Kampfziel nur die Beseitigung Hitlers und der Nazis war. Alle ausserhalb dieses Zieles liegenden Diskussionen hätten vielleicht nach dem Sturz Hitlers, bei Kriegsende einsetzen können. Die Oesterreicher haben hier mit ihrer Einheitsfront tatsächlich so etwas erreicht. Bei uns ging der Versuch durch die unentwegten Doktrinäre schief, die dauernd die Einheitsfront nach der einen oder anderen Seite limitierten. Ich habe dann versucht, die Bocksprünge der Strasserleute hier, die sich schliesslich mit sämtlichen ihnen zunächst freundschaftlich gegenüberstehenden Gruppen verkrachten, einigermassen zu dirigieren. Als das nicht ging, arbeitete ich mit argentinischen Gruppen zusammen, reiste nach Chile und arbeitete in einem chilenischen Verband, der allerdings auch unter technischer Leitung eines Ex-Strassermannes stand. Von Chile aus versuchten wir, besonders, da wir sehr gute Beziehungen zu den Alliierten hatten, die Idee eines deutschen Treuhänderrates zu lanzieren. Es schien uns angebracht, für die Deutschen die “zweite Möglichkeit” zu schaffen, um der von Hitler proklamierten Einheit zwischen Partei und Volk entgegenzuwirken, das heisst also, das Volk aus der unmöglichen Position zwischen Degen und Wand zu befreien. Dieser Treuhänderrat musste aus Personen bestehen, die eventuell von den Alliierten als Verhandlungspartner anerkannt werden konnten. Wir traten in Verbindung mit allen mehr oder weniger namhaften Politikern, fanden aber niemand, der auch nur zu einem Versuch bereit gewesen wäre. Wir lernten dabei viel Feigheit und noch mehr Mangel an politischem Gefühl kennen und nicht schätzen. Strasser reagierte, wie immer, mit einem Plan, der erstens wieder einmal den deutschen Wall gegen Osten propagierte, zweitens aber nur eine Diktatur durch die andere zu ersetzen wünschte. Das Ganze: wirr. Ausserdem war und ist der gute O.S. für die USamerikaner nicht tragbar. Sie hatten ihm gerade damals als “trouble maker” (sic) die Einreise in die Staaten abgelehnt. Kurz, im Endeffekt setzten wir ihm (und den anderen) nach längerer Diskussion den Stuhl vor die Tür. Ich habe an Chile nur die eine gute Erinnerung, dass die Liga de Defensa, für die wir arbeiteten, allem offiziellen Gegendruck zum Trotz (dem ich dann auf Wunsch des Nazibotschafters zum Opfer gebracht wurde) doch das Material zusammenbringen konnte, das endlich zum Abbruch der Beziehungen Chiles zum Reich führte. In Argentinien verhielt ich mich dann relativ still. Aber es scheint, dass man mir erstens mein Eingreifen in argentinische Dinge und zweitens wohl auch zuviel Kenntnis gewisser Querverbindungen übelnahm. Jedenfalls wurde ich verhaftet und unter Anklage gestellt, die Beziehungen zwischen Argentinien und dem Reich gestört zu haben. Besagte Beziehungen wurden zwar einen Monat nach meiner Verhaftung abgebrochen, aber ich blieb noch annähernd elf Monate eingesperrt. Nun ist es sehr still geworden, ich betreibe mit Barbara Herzfeld, der Frau John Heartfields, einen kleinen Buchladen, höre von meiner Frau und dem Kind wenig oder nichts (sie blieben in Chile und ich kann nicht soviel aufbringen, um sie wirklich zu unterstützen) und im übrigen bemühe ich mich, aus dem grossen Chaos eine Ausweg zu finden. Wir sind hier zu weit weg. Der einzige Mensch, mit dem ich immer noch Fühlung habe, ist Paul Zech, der vielleicht ebenso sehr unter den Ereignissen leidet wie ich, es aber noch schwerer hat, weil er älter ist, sprachlich weniger geschickt und eben doch einmal jemand gewesen ist, vor dem Respekt zu haben ist. (Und noch ist. Was ich von seinen letzten Schriften kenne, ist schön, malgré tout.) Es sieht immer mehr so aus, als sollten wir nun dafür bestraft werden, dass wir keine Nazis gewesen sind. Aber man kann auch nicht kontemporisieren, denn in dieser Umgebung (s.o.) kommt man sich nun doch riesenhaft, mit kalter Luft um den Scheitel vor. Wahrscheinlich irrt man sich. Gerne wäre ich auf der anderen Seite, in Europa, näher dran. Ich habe mich seinerzeit bei den Amerikanern freiwillig gemeldet, ohne Erfolg, zumal ich kurz darauf verhaftet wurde. Nun habe ich mich doch wieder bemüht, irgendwo im Zivildienst der Amerikaner einen Posten zu finden, ebenfalls bis jetzt ohne Erfolg, besonders da meine alten Bekannten nicht mehr hier sind und ich keinen finde, der –was nötig wäre – sich meiner Angelegenheit mit persönlichem Interesse annähme. Es ist soviel “red tape” zu überwinden, dass man auf dem Amtswege nicht an die entscheidenden Stellen heran kommt. Von Walter Karsch hoffe ich, vielleicht durch Ihre Vermittlung, doch einmal zu hören. Von hier aus kann man noch nicht nach Deutschland schreiben. Von meinen Arbeiten ist soviel zu sagen, dass ich das fast zehnjährige Leitartikeln aufgegeben habe und hin und wieder ein bisschen südamerikanisch historisch oder sehr hier und da ein Gedicht schreibe. Ich glaube, dass ich nun bald doch einen kleinen Band Miniaturen herausgeben werde, den Sie dann auch kennen lernen werden. Ich hoffe nur, dass ich mich nicht in die Geschichte geflüchtet habe, sondern in meiner Schilderung fremder Dinge sehr viel von den meinen aussage. Nur, dass niemand da ist: ich hätte Lust, sehr viel mehr zu tun, aber ich kann nicht ins Leere hineinarbeiten. Und leider habe ich immer Kontakt und Auftrag gebraucht, um wirklich aktiv zu werden. Von Hans Bayer bekam ich einmal einen Gruss bestellt, als ein argentinischer Journalist ihn zufällig in Rio als DNB-Korrespondenten getroffen hatte. Gefreut hat es mich nicht. Er ist, wie ich hörte, gemütlich verheiratet und sehr dick geworden. Uebrigens macht es mir Freude, wenn ich Ihnen hier und da Briefmarken schicken kann. Wenn Sie Interesse, unter Umständen kommerzielles, an Marken haben, kann ich Ihnen gern meine paar Sachen schicken. Ich sammle, ohne grosse Leidenschaft, Chile. Es ist hier jetzt so, dass 110 Prozent der deutschen Kolonie behaupten, nie Nazi gewesen zu sein. Die Gesinnungslosigkeit auf allen Seiten feiert Orgien. Es dürfte drüben im Reich nicht viel anders sein. Aber man müsste von nah sehen können. Sicher ist nur, dass man sich nicht mehr vorstellen kann, wohin alles treibt. Ihre aussenpolitischen Thesen unterschreibe ich nun mehr denn je. Interessant ist die neue russische Formulierung, dass man Frieden nur zweiseitig schliessen könne. Sie ist so selbstverständlich, dass man sie eigentlich garnicht erwähnen sollte, aber die anderen sind einstweilen noch nicht darauf gekommen. Und für die Russen ist sie nur ein Grund mehr zum Weiterbohren. Warum kann man nicht die Amerikaner und Engländer dazu bringen, dass sie sich endlich mit den paar vernünftigen Deutschen an den Tisch setzen? Politik wie am Ende des Spanischen Erbfolgekrieges, aber mit Atombomben, und keiner weiss, ob man nicht nur die Taste kennt, auf die man drücken muss, jedoch über die Folgen, gelinde gesagt, ununterrichtet ist. Wir sind da an einer Grenze angekommen, die zu überschreiten nicht ratsam war. Nachdem wir schon einen schönen Schritt ins Unmenschliche getan hatten, sind wir nun auf einmal im Aussermenschlichen gelandet. Schade, dass Sie so weit weg sind. Dabei ist London mit dem neuen Flugdienst so schnell zu erreichen. Vielleicht finden wir doch einmal den Weg. Ich freue mich, schneller von Ihnen Neues zu wissen, als ich Sie warten liess. Viererblock Ausgabetag Roosevelt-Gedenkmarke liegt bei.
Sehr herzlich Ihr Peter Bussemeyer