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Brief 5

Kurt Hiller an Peter Bussemeyer
Ms. Brief vom 22. Juli 1946
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
KH
48, Woodstock Avenue
London N.W.11
22/VII 1946

Verehrter Bussemeyer, lieber Freund Peter,

soeben Ihr Brief. Da ist aber auch nicht ein Komma, das mir nicht aus dem Herzen wäre. Ich meine sowohl Irr- wie Rationales. Das Irrationale ist Ihr inneres Verhältnis zur Heimat, zur Nation. Mir gilt Jeder als Krüppel, dem es mangelt. Mich schiert einen Dreck, dass schofle Pazis (in Hamburg, Hannover, Übriggebliebene aus dem FWFoersterkofen, große Wühler gegen mich heute drüben, so das repatriativ seit Monaten alles stockt) mich als “Nationalisten” abstempeln; ihr Kotz gleitet an meiner Teerjacke ab, gleich dem der feinen Nazis, die in Hamburg geradezu dominieren (Erziehungs-Sparte), und gleich dem der lieben Lukácse von der dialektisch-materialistischen Fraktion, in Berlin. Ich kann – wie wurst bleibt das Zoologische! – imgrunde nicht befreundet sein mit einem noch so linken oder noch so intellektuellen Menschen, der im Herzkern nicht, und zwar als Selbstverständliches, die Glut der Liebe zur eignen Nation trägt. Die pathologische Abwandlung dieser Liebe heißen wir Nationalismus; ihr Fehlen ist Krüppeltum. Und der “Internationalismus” eines Krüppels … dafür dank’ ich. Genau so wie für den blutigen Nationalismus des bemuskelten Höhlenbewohners.

Dass Sie und ich uns gerade in diesem Punkt debattelos verstehen, genügt fast allein schon zur Freundschaft, von mir aus. Hinzukommt aber, dass in unzähligen nationalen Einzelheiten Ihrer Darlegung etwas zu mir spricht, wofür meinem Vokabular ein andrer Ausdruck ausser dem Worte BRÜDERLICH fehlt. Und dann: die prächtige Durchtraintheit Ihres Stils.

Ich hatte ein Vorurteil für Sie; es ist nun erhärtet … und also kein Vorurteil mehr. Unerhört schön finde ich Ihr Gedicht FLÜSSE.

Die Übertragung aus dem Cervantes … ich wage da kein Urteil, weil ich das Original nicht kenne, weder in älterer Übersetzung noch gar spanisch. Was ich aber deutlich spüre, das ist die nervige Gestalterhand.

Und Ihre Darlegung zum Thema PERON: äußerste Kompliziertheit (welche wahrhaftig hier dem Tatbestand adäquat ist) samt äußerster Klarheit der Form. Die alten Zeitungsaufsätze las ich noch nicht; die kommen wahrscheinlich heute abend heran. Ich bin so verrückt, nicht abwarten zu könne, Ihnen zu sagen, wie glücklich ich über unsern Einklang bin und dass ich übermorgen im D. Ihr Fehlen in meinem allerengsten Freundes- und Mitstreiterkreis als schmerzhafte Lücke empfinden würde. Ich wünsche gegenüber einem immerhin doch jüngern Kameraden nicht unbescheiden zu sein; sonst würde ich Sie bitten, mir zu erlauben, Ihnen vorzuschlagen, dass wir fortab DU zueinander sagen. Beinah unfasslich ist mir, dass wir “damals”, in Berlin, einander so fern blieben. Es war wohl, weil Sie damals – in einer Phase Ihrer Entwicklung, die der Unbescheuklappte zu respektieren hat – alles auf das Pferd Moskau setzten und daher meine politische Position für verzwickt, verzwackt, leicht überkandidelt, snobbish-outsiderisch, hyper-intellektuell, literatenhaft, individualistisch, unrealistisch, weltfremd (and so on) hielten. Unterdes erlebten Sie; unterdes dachten Sie. Ich fühle unsere Linien heute in Parallele … und: kaum zwei Linien so sehr in Parallele wie just unsre zwei.

Ein klein wenig schmeichelt mir auch, dass ich, aus vager Halb-Intuition, den Fall Peron beinah genau so sah, wie Sie aus der Nähe und sehr fundierter Kenntnis ihn sehen.

Wir werden bisweilen Meinungsverschiedenheiten haben; denn ich bin ein Hartkopf und Sie hoffentlich auch. Tut gar nichts! Denn unser beider Denkrhythmus ist verwandt, und sicher auch beider Endzielvorstellung.

Meine Rückkehr … da ist leider nichts Neues zu vermelden. Aus Hamburg treffen seit vielen Wochen keine Briefe mehr ein, ich stehe vor einem Rätsel (mit Hypothesen freilich; siehe oben). Oberbürgermeister Dr. Erich Zeigner – Leipzig (der Sächsische Ministerpräsident vom Herbst 1923) lud mich jetzt offiziell nach dort ein, als Chefredakteur, oder wahlweise nach Berlin für einen ähnlichen Posten; offenbar handelte er als Sondierer eines Parteikreises in Berlin (wo man, das heisst die Becher–Weinert–Pieck, noch nicht recht wissen, wo ich heute stehe); ich sagte natürlich eindeutig ab, mit klarer Begründung, nicht bloss ideologischer, sondern auch auf die Kriminellen in der KPD-Exilleitung hinweisend, die sich gerade jetzt zur Rückkehr anschicken. – Dabei ist Zeigner ein Prachtkerl, und mir tat sehr leid, ihm einen Korb geben zu müssen. Aber Ostzone, das wäre für mich der Selbstmord; entweder der geistige oder der physische. Ich schrieb ihm das. – Die amtlichen Westler wissen natürlich nichts von mir. Oder lassen sich von feinern Nazis und schofleren Pazis über mich unterrichten. Ignoranz und kalte Schulter.

Ich möchte der Ordnung halber doch noch rasch sagen, dass ich nicht den leisesten Zweifel hege, dass Ihre alten Zeitungsartikel, wenn ich sie heute abend oder morgen lesen werde, mir die gleichen Gefühle der Brüderlichkeit entzünden werden wie alles Andre. Ein paar flüchtige Blicke darauf lehrtens mich schon.

Zum Schluss vielen Dank für Ihre philatelistische Güte. – Ich freue mich diebisch auf Ihren nächsten Brief. Und wenn ich mir die freundschaftliche Freiheit nehme, Sie zu bitten, dann meinen vorigen nochmals durchzusehen und ein paar (Details betreffende) Fragen darin noch nachträglich zu beantworten, natürlich nur, soweit Sie es können und wollen, dann nehmen Sie mir diesen Wunsch gewiss nicht krumm?

Sollte Ihnen mit den Marxismusthesen etwas glücken, dann bravo. Wenn nicht, werde ich für den Misserfolg volles Verständnis haben. Deutsch erschienen sie in den (bürger-edlen, etwas zu konservativen) DEUTSCHEN BLÄTTERN, Santiago de Chile, und kommen demnächst wiederum deutsch in der amsterdamer viersprachigen Monatsschrift CENTAUR heraus. Pardon, wenn ich Ihnen dies schon geschrieben haben sollte; ich weiss nicht genau.

Alle guten Wünsche, Peter! Ein Charakter wie Du, ein Kopf wie Du, – das ist trostreich. Wir wollen einander nicht wieder verlieren! Ich glaube, gewonnen … haben wir nur einander. Spät; ja. Aber spät ist manchmal fester als zu früh.

In ehrerbietiger Kameradschaft und froher, treuer Freundschaft:

Kurt Hiller

PS: Die Preussenkiste der Siemsens: wir beide extrem einig! (Anna, die hochgemute Schwester, schrieb in dem blöden Sinne ein Spezialbuch, 1937 oder 38 in Paris bei den ISKen herausgekommen, ungefähr 70 Jahre hinter der Weltgeschichte zurück.)

Herzlichsten Gruß an Paul Zech!