Brief 71
Ms. Brief vom 23. April 1951
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Lieber Kurt,
nachdem nun gerade ein Brief unterwegs ist, erhalte ich von einem alten Bekannten aus Chile, der zur Zeit mit Suhrkamp assoziiert ist, Nachricht, dass man vielleicht an meinen südamerikanischen Historien interessiert sei. Nun besitze ich nur noch ein fragmentarisches Manuskript, wohingegen ich glaube, dass das einmal an Rowohlt geschickte Exemplar komplett und bei Dir ist. Würdest Du so sehr gut sein und das Manuskript an Manfred Rosenthal im Peter Suhrkamp Verlag, Neue Mainzerstraße 56 schicken. Vielleicht läßt sich etwas machen, was mir recht gut – hauptsächlich moralisch – bekommen würde. Du weißt ja auch: Ce n’est que le premier pas qui coûte [Aller Anfang ist schwer].
Der vorige Brief war ein richtiges Ausweinen über die Verhältnisse, wie sie sind und nicht sein sollten. Ich möchte Dir so gern viel mehr menschlich Warmes schreiben, aber merkwürdigerweise sind die Humana von den täglichen Sorgen so überdeckt, dass man manchmal glaubt, man müßte ersticken. Die Leute vom Stadtblatt lassen es sich auch nicht nehmen, mit gewöhnlicher Post zu schreiben, wodurch Verbindungen nicht schöner werden. (Gott soll mir verzeihen, ich schreibe zwar ___ mail [?], aber dafür selten.) – Neulich sah ich in der Illustrierten Berliner Zeitung ein Photo von Karsch. Das hat mich so auf Ideen gebracht. Warum sieht er so alt und so gesättigt aus? Er ist doch jünger als ich und immerhin war er doch die ganze Zeit drüben, hat doch also wohl gelitten? Ich habe mich so viel weniger verändert, dass ich oft richtig böse werde, wenn mich Leute hier als „jungen Mann“ behandeln. Man muß sich wahrscheinlich einen Schnurrbart stehen lassen, um endlich jovial und würdig auszusehen. Oder war es eigentlich so, dass die Dagebliebenen – gleich welcher Observanz – doch Zeit gehabt haben, geruhsam älter und dick zu werden, falls ihnen keine Bombe auf den Kopf fiel? Es würde erklären, warum wir eine andere Sprache sprechen. Gehetzt werden erhält wohl jung. – Sei von ganzem Herzen gegrüßt von Deinem Dich sehr verehrenden P[eter]