Brief 82
Hs. Brief vom 28. Juli 1958
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Mein sehr lieber Kurt,
Deine Karte an das „Argentinische“ hat mich erreicht, und das schon vor längerer Zeit. Ich hätte Dir lange geschrieben, wenn es nicht so unendlich schwierig wäre. Seinerzeit ging noch ein Brief von mir an die Woodstock Avenue, hat Dich aber nicht mehr erreicht. Dann sah ich im Aufbau, dass Du endgültig nach Deutschland zurückgekehrt warst. Und wußte nun gar nichts mehr von Dir. Nachdem ich nun – ab März dieses Jahres – wieder ins „Argentinische Tageblatt“ zurück gegangen bin, ist es mir wenigstens wieder möglich, mich von neuem ins Journalistische einzuarbeiten. Es hat sogar gewisse Erfolge gehabt. Aber das Schlimme ist, dass ich immer alles selber tun muß. Meine Beziehungen, die inneren, wie die äußeren zu Deutschland sind praktisch seit dem Tode meiner Mutter nicht mehr vorhanden. Drohende Auseinandersetzung mit Verwandten, der ich aus dem Wege gegangen bin, weil es einfach zuviel gewesen wäre, haben [!] mir wahrscheinlich den Rest gegeben. Hier in Argentinien war dann auch manches los, an dem ich selber beteiligt war. Das Fatale ist, dass wir nun wieder fast da angelangt sind, wo wir schon immer waren. Was ich so sehr gewollt habe: einmal für etwas sein – ist wieder fast unerreichbar, und so bin ich denn, wie mein ganzes Leben lang, wieder dagegen. Ich bin auch nicht so gut mit den neuen Deutschen befreundet, dass sich dort für mich etwas Positives angebahnt hätte. Was es hier an Vertretern der deutschen Presse gibt, ist entweder Nazi oder Nulpe. Keine Gesellschaft für mich. Mir scheint manchesmal, als sei meine Liebesfähigkeit, die einmal nicht gering war, völlig eingefroren. Dabei möchte ich doch so gern. – Du hast mir seinerzeit mit Deiner Third Position sehr zugesetzt. Ich möchte nicht mehr dazu sagen, denn ich wollte gerade mit Dir immer einig sein. Und dann habe ich eben auch zu Dir nichts mehr gesagt. Alles wäre einfach gewesen, wenn es mündlich gewesen wäre, schriftlich läßt und ließ es sich nicht machen. – Ich will aber dennoch wissen, was Du tust und woran Du bist. Es ist manchmal richtig komisch, wenn ich von [Kurt] Zornig lese, den ich doch selber im AT empfohlen habe und der heute ein „besserer Herr“ ist –
Von anderen Leuten lese ich nicht einmal auf Umwegen etwas. Sieh mal, es hat sich bei mir etwas zusammengeballt, was beinahe eine Psychose ist. Das hat so lauter kleine Gründe. Karsch, den ich mochte, hat mir danach nicht einmal meinen Gedichtband bestätigt. Aber, es gibt da noch mehr solcher kränkenden Winzigkeiten. Jeder Kaffer hat mal eine Reise nach drüben machen können. Ich habe mich manchmal halb tot geschuftet und es reichte doch immer nur zu einem halbwegs anständigen Dasein ohne Devisen. So habe ich meine Mutter sterben lassen, ohne sie noch einmal zu sehen und ihr sagen zu können, dass ich sie, allem was gewesen war zum Trotz, liebte.
Nun, ich will mir Mühe geben, doch einmal alles zu vergessen. Wenn ich nur wieder einmal das Ende des Fadens in die Hand bekommen könnte. Nach allerlei Misserfolgen täte mir vielleicht schon eine mittlere Erfolgsinjektion gut. Und auf diesem Wege wird sich nun vielleicht auch etwas ergeben. Vor allem aber: was tust Du?
Von mir ist sachlich zu berichten, dass ich halstief in der argentinischen Innenpolitik sitze und versuche alles zu tun, um die Rückkehr unserer diktatoralen [?] Zeit zu verhindern. Ich habe im AT eine neue entsprechende Rubrik eingeführt und Alemann pflückt den Ruhm davon zu mindestens 80 Prozent. Aber vielleicht ändert sich da doch einmal etwas. Wenn es Dich interessiert, schicke ich Dir einmal Stilproben. –
Und jetzt bin ich froh, dass ich überhaupt geschrieben habe. Sehr herzlich grüßt Dich
Dein Peter